Es gibt Hunderte von Anzeichen, an denen man merkt, dass man schneller alt wird, als einem lieb ist. So schläft man zum Beispiel abends beim Fernsehen ein. Die angefutterten Pfunde purzeln nicht mehr so schnell wie früher. Oder man gibt plötzlich mehr Geld für Antifaltencreme Kosmetik aus. Dokumente und andere wichtige Papiere werden sorgfältig sortiert und abgeheftet und landen nicht mehr, wie bisher, in verschiedenen Schubladen und/oder dem Papierkorb. Auf der Straße erwischt man sich mit einem Mal, wie man verständnislos den Kopf über herumlungernde, falschgoldbehangene Vierzehnjährige mit sachte aufs Haupt gelegten Schirmmützchen schüttelt. In der Straßenbahn wird man von Kindern gesiezt und in der Uni schaut man milde lächelnd auf die übermotivierten Erstsemestler hinab, zu denen man noch vor 3 Jahren selbst gehört hat. Und man macht sich auch plötzlich Sorgen um den Ausgleich des Dispos.
Mir wurde gestern bewusst, wie alt ich eigentlich geworden bin, als ich mit meiner besten Freundin die Veröffentlichung der Tourdaten von Kaizers Orchestra ausgewertet habe. So ungefähr hätte sich ein Gespräch vor 3-4 Jahren abgespielt, zu dem selben Thema:
Karoline: WHUÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH, DIE TOURDATEN SIND RAUS!! [Es gab damals eigentlich nur eine Band, von der ich hätte reden können. Daher kam die Reaktion sofort:]
Janin: WHOOOOOOOOOOHOOOOOOOO!!! Lies vor!!
Karoline: Wie wär’s mit Potsdam, Hannover, Köln, Namur, Utrecht und Ålborg, Greifswald, Gelsenkirchen, Hamburg, Bielefeld, Mannheim, Bremen, Dresden, Passau, Bergen, Amsterdam? Vielleicht noch Olso?
Janin: Okay, warte mal, ich hol den Kalender. Also am ***. kann ich nicht, da hab ich am nächsten Tag Zwischenprüfung. Ach egal.
Karoline: Ja, und am ***. hat meine Mutter Geburtstag. Und am *** wollte zu Besuch kommen… oh, und bis zum *** muss ich eigentlich *** fertig haben. Ach egal.
Janin: Hm, und wovon sollen wir das bezahlen?
Karoline: Keine Ahnung, aber Hauptsache, wir haben mindestens nen 3-Sterne Hotel. Ich kann dir ja was borgen.
Janin: Ja, und ich dir!
Karoline: Prima. Ich hol die Kreditkarte.
Gestern verlief das Gespräch derart:
Karoline: [nachdem sie Janin bereits eine Stunde über Belanglosigkeiten aufgeklärt hat] Achso, die Tourdaten sind übrigens raus.
Janin: Welche Tourdaten?
Karoline: Kaizers. Im Herbst.
Janin: Oh [gähnt, da es schon 23.00 ist], und?
Karoline: Keine Ahnung, musste mal gucken. Ich hab’s bloß im Newsletter gelesen.
Janin: [schaut nach, zählt eine Reihe von deutschen Kleinstädten auf] Aschaffenburg??? Wo zum Geir (sic.) ist das denn? Und warum spielt man da?
Karoline: ? ?
Janin: Hm, also am 21.11. spielen sie in Berlin.
Karoline: Na gut. Das wird ja reichen.
Janin: Mhm.
Nun möchte man vielleicht meinen, dass das Nachlassen der Euphorie darin begründet ist, dass nach exakt 30 Livekonzerten und einem fragwürdigen letzen Album das Interesse an der Band nachgelassen hat, aber das Argument zählt bei so einer guten Liveband wie Kaizers eigentlich nicht. Der Rest ist hauptsächlich Lethargie und das Wissen, dass man derlei exzessive Konzertgänge nicht nur finanziell, sondern auch körperlich einfach nicht mehr schaffen würde. Im Jahre 2004 waren wir noch bereit, wegen eines 45-minütigen Festivalauftrittes der Lieblingsband zehn Stunden mit dem Nachtzug in eine seltsame Kleinstadt in Belgien zu fahren und während des 3-Tages-Trips nicht eine Minute zu schlafen. Zwei Monate später saßen wir in der Propellermaschine nach Ålborg, was uns Geld kostete, das wir nicht hatten und uns ungewollte Einblicke in das ålborger Nachtleben verschaffte, die unsere Sexualität für immer prägen sollten. Jetzt schwelgen wir, auf dem weichen Sofa sitzend, mit den dicken Fotoalben auf dem Schoß in Erinnerungen an früher.
Eigentlich schade, das mit dem Altwerden. Es war eine großartige Zeit.
