Unnatürliche Auslese

In meinem weiblichen Bekanntenkreis grassiert zur Zeit das Phänomen, sich bei einer Internetpartnerbörse anzumelden, „nur um mal zu gucken”. Die Vorstellung, sich aus einem riesigen Käsekuchen nur die besten Rosinen herauspicken zu können, ist verlockend. Ebenso die Unkompliziertheit einer möglichen direkten Kontaktaufnahme seitens der Frau, die zumindest für ¾ meiner Freundinnen im wirklichen Leben nie stattfinden würde. Das Flirtverhalten meiner besten Freundin beispielsweise lässt sich eigentlich am besten durch eine Metapher mit aktuellem Bezug beschreiben: Wenn wir gemeinsam weggehen, ist sie wie das große, leckere Stück Sachertorte hinter einer mit Kinderfingerabdrücken verschmierten Scheibe in einer Feinbäckerei – der interessierte Mann eine zuckertrunkene Wespe, die an der harten, glatten Oberfläche abprallt und irgendwann mit hängenden Fühlern und ramponierten Flügeln auf ein matschiges Stück Erdbeerschnitte zusteuert, so wie zehn andere seiner Artgenossen. Von einem direkten Flirtverhalten ihrerseits kann man also nicht wirklich sprechen.

Das Internet bietet hier ganz andere Möglichkeiten: Die im Flirten etwas Ungeübte kann bedacht auf sympathische Zuschriften reagieren – zum Beispiel zeitversetzt, was im realen Leben einen seltsamen Eindruck machen oder in einer Katastrophe gipfeln würde. Sie kann sich durch vorteilhafte Fotos gezielt interessant machen, und – was vermutlich einer des größten Vorteile ist: Sie kann selektieren. Denn während im Clubszenario die interessierte Wespe von hinnen zog, um sich an der Erdbeerschnitte zu laben, tritt kurz darauf häufig die gemeine Schmeißfliege auf den Plan, die oftmals durch ein ausgiebiges Bad in einer nicht ganz entleerten Bierflasche vor der Bäckereitür ermutigt genug ist, Zeichen der Zurückhaltung bzw. hier vor allem der Ablehnung nicht richtig zu erkennen. Diese Art Schmeißfliegen gibt es in den Partnerbörsen zuhauf, aber anders als im Club kann man ihre Persistenz hier idealerweise durch einen einzigen Klick unterbinden.

Das ist besonders bei denen nötig, die aufgrund ihres Partnerbörsen-Premium-Accounts, für den sie monatlich eine ganze Stange Geld hinblättern, denken, sie müssten ihre Nachrichten in der kürzesten Zeit an so viele Single-Frauen wie möglich verschicken. Getreu dem Motto: Eine wird sich schon finden. Leider sind die Zuschriften 90% dieser Art und getrost zu vernachlässigen. Der Rest wirkt vielleicht auf den ersten Blick interessant, aber schon nach einem kurzen Blick auf das Profil stellt sich zumeist heraus, dass der Absender entweder kotzhässlich, strunzdoof oder verheiratet ist – und dies häufig sogar in Kombination.

Im selbstlosen Selbstversuch hatte ich zwar als „Suchende” eher kein Glück, in anderer Hinsicht jedoch haben mich die Nachrichten nicht selten durch ihre orthographischen sowie stilistischen Eigentümlichkeiten erfreut, die Profile die eine oder andere langweilige Party gerettet und der ewige Kampf der intellektuellen Universen für reichlich Debattierstoff gesorgt. Von einem Mann im besten Alter und mit vermutlich eher bescheidener Wirkung auf Frauen habe ich mir erklären lassen, dass die angebliche Attraktivität meines Gesichts unmöglich mit meiner Gewichtsangabe korrespondieren könne. Er hatte es leicht anders ausgedrückt. Ein anderer schrieb mir, er könne zwar mein Vater sein, möchte es jedoch nicht unversucht lassen, mich zu einem „Date” zu überzeugen. Ich hatte viele Heiratsanträge von Schwarzafrikanern. Miroslav aus Köln konnte sich vorstellen, wegen mir nach Berlin zu ziehen. Ein anderer bezeichnete meine Selbstbeschreibung als zu „komplisiert”. Als ich schließlich von jemandem die verfängliche Einladung bekam, mit ihm ins Gargoyle zu gehen, meldete ich mich ab.

Für diese Leute gibt es dann die Variante, die meine beste Freundin vielleicht nicht erfunden hat, aber erfolgreich zelebriert. Morgen zum Beispiel ist Dirk aus Reinickendorf mit der Krankenschwester Sandra, einem ihrer Racheprofile, am Potsdamer Platz verabredet, wo er schätzungsweise 30 Minuten warten wird, bis er merkt, dass es Sandra gar nicht gibt.

Ich wage eine abenteuerliche Prognose: In etwa zwei Wochen wird auch meine beste Freundin sich abgemeldet haben, da sie erkannt hat, dass sie, was auch immer sie sucht, dort nicht finden wird. Dies tun außer ihr wahrscheinlich viele, die „nur mal so gucken”, so dass sich das Angebot in den Partnerbörsen schließlich wieder auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner hinunterreduziert, der kompliziert mit „s” schreibt, 54 und notgeil ist oder mit 18 die Hauptschule abgebrochen hat. So bleibt wohl alles beim Alten.

Published in: on August 9, 2008 at 3:31 pm  Kommentare (6)  
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6 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Natürlich hat die Blog-Schreiberin recht, das Angebot der einschlägigen Kontaktforen reicht von doof bis -äh- total doof, ohne was dazwischen. Und glaubt man, im Verhältnis zu den anderen, überraschenderweise doch mal ein intelligentes und kultiviertes Sahnstückchen erwischt zu haben, stellt sich spätestens beim realen Treffen heraus, dass auch das nur weiterer langweiliger Tiefflieger ist.
    Ja, wahrscheinlich werde ich mich früher oder später abmelden, aber Krankenschwester Sandra bleibt. Das persönliche Racheprofil, dass immer dann in Erscheinung treten wird, wenn 50jährige Männer einfach nicht verstehhen wollen, das man mit ihnen weder kommunizieren noch “erotisch chatten” möchte.
    Oder man selbst wird blöde angemacht. Dann kommt die nette schüchterne Sandra und ehe man es sich versieht wird man ganz alleine am Potsdamer Platz stehen und warten und warten und warten…

  2. Die oberflächliche, dumme Arroganz gepaart mit einer Erwartungshaltung von galaktischen Dimensionen und gekrönt von einer Intoleranz das man Sie nur noch als “nuttendoof” bezeichnen kann. kennzeichnet wohl die heutigen Damenwelt der jüngeren Jahrgänge.

    Derselbst man dann klatschend der Lindenstraße und H und M frönt und sich ob seines Äußeren für etwas besseres hält.

    Wirkliche Werte stören da wohl nur, den wer erwartet von solcherart “Damen” geistigen geschweige den philosophischen Tiefgang oder auch nur andeutungsweise etwas ähnliches.

    Insofern geht keinerlei Verlust damit einher das solcherlei Weibssvolk dann so endet wie viele andere deren Lebensweg ich leider beobachten durfte unfd musste:

    Heulend alleine mit der Modezeitschrift der Wahl, am Sonntag in der Großstadt sitzend, mit viel Geld und einer Flasche beliebigen Alkohols, und noch mehr Einsamkeit, den man hat vergessen das , gerade Frau nur 20 attraktive Jahre hat mit denen Sie wuchern kann.

    Bestenfalls sich noch in das Flüchtend was man kranker und dekadenter weise Feminismus nennen mag.

    …. Danach kommt… nichts mehr…

    Woran hiermit erinnert sei.

    Have fun
    Otaku

  3. Dass von der Partnerbörsenproblematik auch Männer betroffen sind, die sich mit oberflächlichen „nuttendoofen“ Weibchen herumschlagen müssen, liegt auf der Hand. Meine Beobachtung war jene, dass im Internet häufig Kontaktaufnahmen zwischen Menschen stattfinden, die es üblicherweise nicht geben würde, da sie sich im realen Leben in verschiedenen Lebensbereichen, von mir aus auch Kreisen, bewegen, die per se nur in den seltensten Fällen kompatibel sind. Selbst wenn beispielsweise X aus Y zweifelsohne ein netter Kerl ist, der das Herz am rechten Fleck hat: Wie soll man sich ein gemeinsames Leben mit ihm vorstellen, wenn sein Lieblingshobby der tägliche Besuch im Fitnesstudio ist, und seine Mail aus Dreiwortsätzen besteht. Da ist es nicht unbedingt arrogant, wenn man dieser Inkompatibilität direkt ins Auge blickt, würde ich sagen.
    Die Selbstgefälligkeit, von der Du bei der Damenwelt sprichst, habe ich ebenfalls vielen Zuschriften mitunter als das Einzige entnehmen können. Aus welchem bezeichnenden Grund auch immer ich viele Zuschriften von älteren Männern bekommen habe – Tatsache war, dass gerade diese selten durch Erhabenheit und Wortgewandtheit glänzten, sondern sich eher dadurch auszeichneten, eindeutige cut&paste Nachrichten zu verschicken, in denen sie ihre Telefonnummer mitteilten und die Empfängerin im Vorfeld ermahnten, nicht auch eine von den langweiligen Frauen zu sein, die sich erst jahrelang mit jemandem schreiben müssten, bevor sie einem Treffen einwilligen. Dass das üblich ist, kam auch für mich überraschend.
    Da bleibt doch eigentlich nur, einen anderen Weg zu finden, sich jemanden zu suchen, um dann nicht deinem Modezeitschriftenszenario anheim zu fallen.
    Aber danke für die Erinnerung.

  4. Well, es zeigen sich Ansätze zu einer möglicherweise interessanten Diskussion, versuchen wir es wieder besseren Wissens mal….

    Die Inkompatibilität die so oft und wohl auch hier zum Auswahlkriterium erhoben wird, ebenso wie das Kriterium des Aussehens, ist doch, wenn man jemand aktiv suchen sollte, geradezu hirnerweichend dämlich.

    Den die Undurchlässigkeit der “Kreise” war etwas was man ab 1900 ändern wollte was auch bis in die Mitte der 80er gut geklappt hat. Im Gegensatz zum früheren Standesgemäß. Aber seit der Fun- und Ego Gesellschaft ist es damit wieder vorbei.

    Den was spricht um bei Ihrem Beispiel zu bleiben dagegen wer er gerne in Fitnessstudio geht während Sie bei Friseur sitzt ? Wäre das ein Maßstab wäre die Menschheit schon ausgestorben. Seit langem.

    Das einzigste Kriterium das man IMHO heranziehen sollte, wenn überhaupt eines, von der auch von dir beschriebenen 08/15 mails mal abgesehen, sein ob man ueberhaupt erst mal ins “reden” kommt.

    Den nach 25 Jahren online : 90 % der “Gespräche” schlafen sowieso wieder ein aus welchen vielfältigen Gründen auch immer.

    Und somit hat es sich dann auch schon erledigt.

    Und es soll, so hofft man, ebenfalls wieder besseren Wissen, auch Beziehungen geben für die es sich lohnt alles bisherige komplett aufzugeben und ganz neu anzufangen.

    Denn das ist auch etwas was ich glaube beobachten zu dürfen : Mein Leben für unsere Liebe ( alla Tristan und Isolde ) so kitschig das klingen mag, ist eben etwas das nicht mehr gelebt wird. Und das ist, neben anderem , das eigentliche Problem. Man verzieht sich viel zu schnell wieder , sobald die ersten Problemchen…

    Dein Argument des Altersunterschiedes ist ebenfalls verständlich wenn auch nicht immer nachvollziehbar.
    Den 20 Jahre können sehr viel, oder auch überhaupt nichts bedeuten. Eine Frage des Kopfes… . Und das Männer jüngere Frauen bevorzugen ist doch glasklar und einfach zu verstehen, oder etwas nicht ?

    However, es ist etwas das nur “funktioniert” wenn man etwas tut was heute niemand mehr tut. nämlich sehr viel Zeit und Energie investieren. Genaue wie in nicht virtuelle Beziehungen/Kontakte ect.

    Und wie dann auch mal in einer evtl. Beziehung. Diese scheitern, nach meiner durchaus unmaßgeblichen Beobachtung, nämlich meistens daran das Sie zu anstrengend werden. Man hat es ja vielleicht einfacher woanders….

    Letztendlich gilt IMHO virtuell wie im Real Live :
    Zufall. Nicht mehr nicht weniger.

    Und bitte jederzeit gerne.

    Have fun
    Otaku

  5. Ich finde es eigentlich nicht verwerflich, sich ein bestimmtes Bild von seinem Wunschpartner zusammenzufügen. Wenn ich jetzt schon weiß, dass ich Schwierigkeiten habe, Männer zu respektieren, die in ihrem Leben nie freiwillig ein Buch zur Hand genommen haben oder die nicht über sich selbst lachen können, wird das in einer gemeinsamen Beziehung bestimmt nicht besser.
    Ich kann mir auf der anderen Seite auch nicht vorstellen, dass Du jede Frau als potentielle Partnerin ansiehst. Das wäre in meiner Welt nämlich hirnerweichend dämlich. Dass man vorgefertigte Meinungen bei hinreichender emotionaler Grundlage auch mal getrost über Bord werfen kann, ist klar. Aber ein gewisser Anspruch sollte hierbei nicht vernachlässigt werden.
    Was die älteren Männer angeht, haben wir uns missverstanden. Ich hege durchaus ein gewisses Interesse für das ältere Semester, allerdings nicht für plumpe, notgeile Säcke, die nur hinterm Bildschirm zu Hochform auflaufen und keinen Hehl daraus machen, alles begatten zu wollen, was annähernd weiblich ist.
    Was alles andere angeht, liegen unsere Meinungen, soweit ich mir das zusammenreimen kann, gar nicht so weit auseinander. Auch wenn du das vielleicht gar nicht wahrhaben magst.

    Auch dir Deinen Spaß,
    humdrum.

  6. Well, IMHO ist sich ein Bild von was auch immer machen stehts verbunden mit einer Einschränkung und zwar zuallererst bei sich selbst, man beraubt sich so seiner, auch eigenen weiteren Möglichkeiten.

    Was mich höchstpersönlich angeht ist dieses Thema seit geraumer Zeit sowieso schon durch, da einerseits wohl meine eigenen Ansprüche, auch wenn dies im Gegensalz zu vorherigem Absatz steht, als auch das was man heutigentags so als normales Leben bezeichnet, und somit wert- und Lebensinhalts bestimmend für 99,99 % der Menschheit an sich, und somit auch des weiblichen Teils dieser, als absolut inkompatibel sich erwiesen haben.

    Was einerseits zu bedauern ist andererseits wohl einfach so zu sein hat.

    Was das “begatten” angeht nun… auch da steht die holde Weiblichkeit den genannten Herren in nichts nach, im Gegenteil. Wenn Ladies heißlaufen, dann ist nichts mehr sicher was nicht bei drei auf den Bäumen ist…

    Es besteht wie du schon anmerktest, durchaus die Wahrscheinlichkeit einer gewissen Übereinstimmung der Meinungen, nur klang das im ursprünglichen Beitrag noch ganz anders, wie ein schnelles Nachlesen mir nochmals aufgezeigt hat.

    Was wiederum beweist das man, erst mal 3 Absätze weiterlesen/schreiben/denken muss, den das hiesige Medium ist bei als seiner Attraktivität doch erheblich eingeschränkt und die Interpretationsspielräume des geschriebenen Wortes umfassen Welten.

    Die Wahrheit BTW, ist ein weites Land, das noch keiner entdeckt hat….

    Have fun
    Otaku

    PS : “humdrum” ??


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